Kunst, die vom Herzen kommt; oder:  
~ Die Suche nach dem Wahrheitsgehalt der Kunst und wie Adorno, Rilke und Kinder dabei helfen können


Fussnoten

1 S. u. Vgl. S. 193-196 in:
Adorno, Theodor W. Ästhetische Theorie.  Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974.

2 S.S. 11 in: Rilke, Rainer Maria. Briefe an Einen Jungen Dichter.
Leipzig: Insel-Verlag, 1957.


3 S. S. 16: Jurt, Joseph. "Pierre Bourdieus Konzept Der Distinktion, 2016 

4 S. u. Vgl. S. 174ff. in:
Adorno, Theodor W. Ästhetische Theorie.  Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974.


5 S. S. 161,  Legler, Wolfgang. Einführung in die Geschichte des Zeichen- und Kunstunterrichts von der Renaissance bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, 2011.

6 Vgl. S. 186: Wittmann, Barbara. "Der Gemalte Witz: Giovan Francesco Carotos „Knabe Mit Kinderzeichnung” 1997. 

7 S. u. Vgl. S. 169f. in:
Adorno, Theodor W. Ästhetische Theorie.  Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1974.



Abbildungen 

a) Giovanni Francesco Caroto: Knabe mit einer Zeichnung (ca. 1520)


URL= <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Giovanni_Francesco_Caroto_001.jpg>

b) Und, um ein eigenes Beispiel eines Kinderkunstwerkes zu geben: Sophia Küstenmacher: Eine Frau (2001)


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Verfasst 2019 im Rahmen eines Ästhetik-Seminars an der Universität Leipzig. Aktualisiert und redigiert im August 2021.

1.  Der Wahrheitsgehalt als “innige Aufrichtigkeit” bei  Rilke


“Was wollte uns der Künstler damit sagen?”
Und wollte er auch genau das vermitteln, was ein anderer vermeintlich in dem Kunstwerk zu erkennen scheint? Für Adorno sind diese Fragen falsch formuliert: Denn die subjektive Idee und die damit verbundene Intention des Künstlers ist nicht identisch mit dem Wahrheitsgehalt des Kunstwerkes, der Wahrheitsgehalt ist mehr als nur die bewusst vermittelte Idee eines Künstlers: “Keine Aussage wäre aus dem Hamlet herauszupressen, dessen Wahrheitsgehalt ist darum nicht geringer.” Der Wahrheitsgehalt von Kunstwerken ist für Adorno die “objektive Auflösung des Rätsels eines jeden einzelnen”. So haben sie auf ihre Interpretation zu warten, die Lösung zu verlangen, und verweisen dadurch auf den Wahrheitsgehalt, den man - so Adorno - wiederum nur durch philosophische Reflexion erkennen kann. “Sie haben den Wahrheitsgehalt, und haben ihn nicht”. (1)

“Kunstwerke existieren, in denen der Künstler, was er wollte, rein und schlackenlos herausbrachte, während das Resultat zu nicht mehr geriet als zum Zeichen dessen, was er sagen wollte, und dadurch verarmt zur verschlüsselten Allegorie.” (1)

Mit diesem Zitat aus Theodor W. Adornos posthum erschienenen “Ästhetischen Theorie” beschreibt Adorno ex negativo, dass für ihn im kunstschaffenden Prozess viel misslingen kann. Der Prozess ist für ihn, anders als für andere, nicht in jedem Falle ein gelungener Schaffensprozess. Doch genau das interessiert mich - Wie kann mal als kunstschaffendes Subjekt Wahrheitsgehalt in seine Kunstwerke legen, ohne zur “verschlüsselten Allegorie zu verarmen”, oder ein aufgrund seiner Verfahrensweise nach “törichtes Kunstwerk” erschaffen zu haben?

Diese Frage beschäftigte wohl auch den jungen Amateurlyriker Franz Xaver Kappus, der niemand anderen als Rainer Maria Rilke um einen Ratschlag bat. Dessen Antworten wurden weltberühmt. Rilke schreibt in den “Briefen an einen jungen Dichter”:

“Sie fragen mich, ob Ihre Verse gut sind. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, all das aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürfen Sie jetzt nicht tun. Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand.
Es gibt nur ein einziges Mittel: Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der sie schreiben heißt, prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.”
(2)

Rilke verlangt in diesem Brief, dass der junge Dichter sich der Natur nähern soll wie ein “erster Mensch”, und den geläufigsten Formen wie Liebesgedichten vorerst besser ausweicht, da vor allem bei viel gesehenen lyrischen Formen die Versuchung am Größten ist, etwas nachzuahmen, anstatt es aus sich selbst sprechen zu lassen. Besser sei es, die doch alltäglichen und flüchtigen Gedanken, Emotionen und Alltags-Schönheiten als Motiv zu wählen, um sich möglichst wenig an bekannten Motiven vergreifen zu können - denn für Rilke zählt vor allem die “innige, stille, demütige Aufrichtigkeit” eines - in diesem Falle lyrisch-literarischen - Kunstwerkes. Dieses soll aus einer Innerlichkeit entstehen, aus einem inneren, intrinsischen Drang, nicht weil man beispielsweise beeindrucken möchte.

Den Rat, den Rilke hier gibt, richtet sich an einen Dichter, der bereits viele Gedichte gelesen hat, unterschiedliche Stile kennt und wahrscheinlich auch vor allem unterschiedlich bewertet: Aufgrund der Tatsache, dass eben jener sich hilfesuchend an Rilke wandte, lässt vermuten, dass er mit seinen Schreibversuchen nicht gerade zufrieden war und impliziert gleichzeitig des Dichters Annahme, im kreativen Schaffensprozess durchaus etwas besser machen zu können. Rilke bestätigt diese Überzeugung, und zwar durch den paradoxen Vorschlag, nichts besser machen wollen zu wollen: Wer nicht beeindrucken will, beeindruckt ihn mehr, als der, der ausschließlich beeindrucken will.

Doch mit dem Vermögen, sich ein persönliches, meinungsbildendes Urteil über unterschiedliche Dichtungen, Texte und Stile zu bilden und dadurch auch seine eigenen Versuche gewissermaßen zu kategorisieren, wird man nicht geboren.
Ist man noch nicht viele Jahre auf der Welt, so ist man vorerst mit der Aneignung weitaus basaleren Fähigkeiten beschäftigt: Beispielsweise dem Laufen-lernen, der ersten verbalen Kommunikation und der selbstständigen Benutzung von Alltagsgegenständen.
Junge Kinder kennen noch nicht die großen Autoren des 20. Jahrhunderts, die man “unbedingt gelesen haben sollte” oder können anhand der Farbpalette und des Pinselduktus den Impressionismus erkennen: Kinder verfügen nach Pierre Bourdieu noch nicht über die Fähigkeit der “ästhetischen Distinktion”. Diese ästhetische Distinktion wiederum ist determiniert von ökologischem, soziologischen und kulturellen Kapital, die den Rahmen festlegen, wie und wie gut das heranwachsende Kind herangeführt wird an die Fähigkeit, künstlerische Werke kategorisch einzuordnen. (3)
Für Rilke als auch für Adorno ist diese Fähigkeit aber trivial wenn nicht sogar toxisch für den kunstschaffenden Prozess. Adorno beschreibt die für ihn notwendige Herangehensweise an das Kunst-machen wie folgt: “Mit verbundenen Augen muss ästhetische Rationalität sich in die Gestaltung hineinstürzen, anstatt sie von außen, als Reflexion über das Kunstwerk, zu steuern” (4)
Die “Augen”, die hier der ästhetischen Rationalität “verbunden” werden, könnten ebenso metaphorisch bei Kindern als noch nie geöffnete Augen verstanden werden: Man muss nichts verbinden, da Kinder noch über keine ausgeprägte ästhetische Rationalität verfügen, sie erlernen sie gerade erst. Die Verfahrensweise steht für Adorno im Vordergrund, nicht die theoretischen Vorgedanken eines Künstlers zu seinem Werk.
Gewissermaßen sollten Künstlerinnen also “Dinge machen von denen [sie] nicht wissen, was sie sind” - es scheint, als würde das Kindern leichter fallen als ausgewachsenen beziehungsweise bereits “welterfahrenen” Subjekten. (4)


2. Der historische Wandel der Rezeption von Kinderzeichnungen


Das bedeutet aber nicht gleich, dass Kinderzeichnungen immer als große Kunst verstanden werden können: Die historische Aufarbeitung beweist, dass die malerischen und zeichnerischen Versuche von Kindern nicht (schon immer) als Kunst wahrgenommen worden sind - im Gegenteil: Sie wurden bis spät ins 19. Jahrhundert als “infantile Krakeleien” bezeichnet, als den “Inbegriff des Hässlichen überhaupt.” (5)

Exemplarisch dafür ist eben jenes Gemälde des italienischen Malers Giovanni Francesco Caroto: Das etwa um 1520 entstandene Werk des “Knaben mit Kinderzeichnung” ist die wohl älteste Dokumentation einer Kinderzeichnung - wenn auch nur als Bild im Bild. (a);(6)

Barbara Wittmann als auch Wolfgang Legner deuten dieses Gemälde als “gemalten Witz”, der sich als Parodie der damals gängigen ästhetischen Standards verstehen soll - aber keineswegs den künstlerischen Wert der Kinderzeichnung huldigen will. (5)
Heutzutage aber werden Kinderzeichnungen gerne auch ohne humoristische Beinote in den eigenen vier Wänden aufgehängt, stolz Familie und Freunden präsentiert, sogar in eigens dafür vorgesehenen Museen ausgestellt oder die kindliche Unvoreingenommenheit zelebriert in Kunstrichtungen wie der von Jean Dubuffets gegründeten Art Brut.

Dieser Wandel verweist für Adorno auch auf den stets geschichtlich schwankenden Konflikt von Ausdruck und Form. Ein Kunstwerk ist stets ein Subjekt, dass etwas mimetisch nachbildet: Es kann der Tatsache nicht entkommen, dass es “Schein” ist und bleibt. Der Ausdruck, den man jedoch in sein Kunstwerk legen kann, sollte im besten Falle objektiviert werden: “Ausdrucksvoll ist Kunst, wo aus ihr, subjektiv vermittelt, ein Objektives spricht: Trauer, Energie, Sehnsucht.” (7)

Doch natürlich ist auch die Betrachter*in der Kunst von Bedeutung und nicht nur des Künstlers erschaffenes Kunstwerk. Bei Kinderkunst wird das besonders deutlich: Ob die Zeichnungen oder Malereien von Kindern Kunst sind, entscheiden die Erwachsenen.
Verändert hat sich diesbezüglich also vor allem auch die Rezeption: Wir können der Kinderkunst mehr abgewinnen, sehen nun mehr in ihr als noch die Menschen im Jahre 1520.


3. Was wir von der Kinderkunst lernen können


Wenn Erwachsene den Wunsch hegen, wieder wie Kinder zeichnen zu wollen, ist das erstmal ein Wunsch, dem man viel Verständnis entgegenbringen kann: Wer möchte nicht so gedankenverloren und relativ unkritisch einem selbst gegenüber ein Werk erschaffen?

Ein typischer Fehler, der begangen werden kann, ist Nachahmung ausschließlich der Form eines Kinderkunstwerks.

Denn der Unterschied ist deutlich zu sehen: “(...) die vorgeblich reine Form, die den Ausdruck verleugnet, klappert”. Das Entscheidende, das wir von Kindern lernen können, ist also ein Anderes:
Es ist das blinde Hineinstürzen in den künstlerischen Schaffensprozess, der im historischen Wandel mehr und mehr Beliebtheit erlangte. “Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind”: für Adorno das eigentlich Ideal der Kunst. (4)